Brustkrebs – Stadien und Klassifikation
Für die Beurteilung der verschiedenen Krebsstadien einer Brustkrebserkrankung wird ein international gebräuchliches Klassifikationssystem angewendet. Es stellt die Basis für die Einschätzung des Rückfallrisikos bzw. des Fortschreitens der Erkrankung und somit für eine angemessene Therapieplanung dar.
In einem für die Behandlung des frühen, nicht fortgeschrittenen Brustkrebses wegweisenden Treffen internationaler Experten wird diese Risikoeinstufung und die daraus folgende bestmögliche Therapie alle 2 Jahre auf Basis der neuesten Studienergebnisse diskutiert und in einem anschließenden Konsensusmeeting abgestimmt.
Einstufung des Tumors
Es werden dabei folgende Merkmale berücksichtigt:
- Anatomische Unterbezirke der Brust
- Tumorgröße (Abb. 2)
- Lymphknotenbeteiligung (Abb. 3)
- Vorliegen von Metastasen (Abb. 4)
Histologisch-pathologische Untersuchung der Tumorzellen ( „Grading“)
Zunächst einmal wird bei den Tumoren unterschieden, ob sie bereits in das umgebende Gewebe hineinwachsen – invasives Wachstum - oder noch auf das Ursprungsgewebe
beschränkt sind – nicht-invasives Wachstum.

- Abb. 1: Unterschiede zwischen nicht-invasivem (präkanzerösen) und invasivem Wachstum von Brusttumoren
TNM-Klassifikation
Um die verschiedenen Krebsstadien zu differenzieren, bedient man sich international der TNM-Klassifikation. Sie wurde von der UICC - Union Internationale
Contre le Cancer - und dem AJC - American Joint Committee - entwickelt.
Dabei werden die Tumorgröße (T), der Lymphknotenbefall (Nodalstatus = N) und das Ausmaß der Metastasierung (M) berücksichtigt.
Die Klassifikation wird zunächst vor Beginn der Therapie vorgenommen um die weitere Behandlung zu planen, dann spricht man von klinischer TNM-Klassifikation (cTNM). Wenn eine Operation erfolgt ist, wird die Erkrankung aufgrund weiterer histopathologischer, d. h. mikroskopischer Befunde erneut eingestuft, dann steht ein kleines p für postoperativ vor dem TNM.

- Abb. 2: Einstufung des Tumors nach seiner Größe (T0 – T4)

- Abb. 3: Einstufung des Tumors nach Lymphknotenbefall (N0 – N3)

- Abb. 4: Einstufung des Tumors nach Vorliegen von Tochtergeschwülsten (M0 oder M1)
Die TNM-Klassifikation wird meist um weitere Angaben ergänzt:
Grading (G)
Aufgrund des mikroskopischen bzw. histopathologischen Befundes des Tumorgewebes lässt sich auf die Bösartigkeit der Krebszellen schließen. Es werden verschiedene Zellmerkmale zu einem Wert zusammengefasst. Dieser Score-Wert von 1 bis 4 wird Grading (G) genannt. Je bösartiger ein Tumor ist, desto schneller kann er wachsen, metastasieren oder erneut auftreten (rezidivieren). Das Grading wird bei der Therapieentscheidung berücksichtigt.
G1 - Gut differenziert (weniger bösartig)
G2 - Mäßig differenziert
G3 - Schlecht differenziert
G4 - Undifferenziert (entdifferenziert) (sehr bösartig)
Beteiligung von Lymph- und Blutgefäßen
Außer den Lymphknoten können auch die Lymph- und Blutgefäße von Tumorzellen befallen sein, dann enthält der Befund folgende Informationen:
LX - Lymphgefäßinvasion kann nicht beurteilt werden
L0 - kein Nachweis einer Lymphgefäßinvasion (also keine Tumorzellen
in Lymphgefäßen nachgewiesen)
L1 - Lymphgefäßinvasion (Tumorzellen in Lymphgefäßen nachgewiesen)
VX - Blutgefäßinvasion kann nicht beurteilt werden
V0 - kein Nachweis von Blutgefäßinvasion (also keine Tumorzellen in
Blutgefäßen nachgewiesen)
V1 - Blutgefäßinvasion (also Tumorzellen in Blutgefäßen nachgewiesen)
Beurteilung des Schnittrandes um den Tumor
Nach einer operativen Tumorentfernung muss auch der so genannte Resektionsrand (Schnittrand um den Tumor) bestimmt werden:
RX - Resektionsrand kann nicht beurteilt werden
R0 - Resektionsrand ist frei von Tumorgewebe, d.h. der Tumor wurde
vollständig mit einem Sicherheitssaum im Gesunden entfernt
R1 - Tumor reicht bis an den Resektionsrand, d. h. der Tumor wurde
wahrscheinlich nicht vollständig im Gesunden entfernt oder reicht
gerade bis an den Rand (ohne Sicherheitssaum).
Ziel einer Operation ist die R0-Resektion, d.h. die vollständige Entfernung des Tumorgewebes, so dass keine Krebszellen im Körper verbleiben.
In einigen Ländern wird bei der Diagnose der Brustkrebs zusätzlich oder alternativ zur TNM-Klassifikation in Stadien eingeteilt. Die Zuordnung zu den Stadien 0 bis IV können Sie hier nachlesen Stadieneinteilung von Brusttumoren
Der Hormonrezeptorstatus – wichtig für die adjuvante Therapie
Brustkrebszellen können hormonabhängig wachsen, daher werden die Zellen auf ihre Rezeptoreigenschaften hin untersucht. Man unterscheidet Östrogenrezeptoren (ER) und Progesteronrezeptoren (PgR). Ihr Anteil auf den Tumorzellen wird durch eine immunhistochemische Färbereaktion bestimmt und prozentual angegeben. Färben sich mehr als 10 % der Zellen geht man davon aus, dass der Tumor auf eine antihormonelle (endokrine) Therapie anspricht, das wird ausgedrückt durch die Angabe ER+ und/oder PgR+.
Zusätzlich wird in Deutschland oft der immunreaktive Score (IRS) angegeben. Die Werte für Färbeintensität und der Prozentsatz hormonpositiver Zellen werden miteinander multipliziert, sodass sich Scorewerte von 0 bis 12 ergeben. Je höher der Score, desto eher ist ein Ansprechen auf eine endokrine Therapie zu erwarten.
Risikoeinteilung nach den Empfehlungen von St. Gallen
Weltweit führende Krebsspezialisten haben sich bereits 2005 in St. Gallen auf eine Einstufung des Rückfallrisikos in drei Gruppen geeinigt. Die Zuordnung von Brustkrebspatientinnen zu einer der Gruppen ergibt sich aus dem Ergebnis der Tumorklassifikation:
| Niedriges Risiko | pT < 1 cm und N0; (kein weiteres Risiko) oder alle der folgenden Kriterien: N0, HR+, pT≤2 cm, G1, Alter≥35 Jahre, Her2-, VI0 |
| Mittleres Risiko | N0 und HR+ und ein weiteres Risiko: pT>2cm, G2-3, Her2+, VI0 oder N1-3, und HR+ und kein weiteres Risiko |
| Hohes Risiko | N≥4 oder N1-3 und weiteres Risiko |
Abb. 5: Risikoklassifikation nach St. Gallen 2007. N = Nodalstatus; HR = Hormonrezeptorstatus; T = Tumorgröße; G = Tumordifferenzierung (Grading), VI = vaskuläre Invasion
Anhand der Risikoeinstufung und auf Grundlage neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse erarbeiten die Experten Therapieempfehlungen, die den behandelnden Arzt – unter Berücksichtigung der individuellen Situation der Patientin – bei der Entscheidung für die auf die Patientin zugeschnittene, richtige Behandlung unterstützen.
Nach den aktuellen St. Gallen Empfehlungen von 2009 entfernen sich die Experten allerdings etwas von dieser sinnvollen Risikoeinteilung. Jetzt werden Kriterien und Merkmale des Tumors angegeben, warum eine bestimmte Therapie eingesetzt werden sollte und weniger welches Risiko der Erkrankung zugrunde liegt. Die neuen Behandlungstabellen, die daraus resultieren finden Sie hier. [3]
Die Frauenklinik Kiel bietet Patientinnen mit dem Programm „Adjuvant Consensus“ die Möglichkeit, durch die Eingabe der Daten zur Klassifikation, die auf das daraus resultierende Rückfallrisiko angepassten Therapieempfehlungen einzusehen. Dabei ist das Ergebnis als Wegweiser zu verstehen, die individuelle Situation kann durchaus andere Maßnahmen erfordern. Die endgültige Therapieentscheidung sollte immer mit dem behandelnden Arzt gemeinsam diskutiert und abgestimmt werden.
Zur Abschätzung eines individuellen Rückfallrisikos ist auch der Prognoserechner von adjuvantonline.de ganz hilfreich. Dieses Programm ermöglicht eine individuelle Abschätzung des 10-Jahres Risikos und zeigt auch die Effekte einer endokrinen Therapie oder Chemotherapie auf. Dieses Programm ist nach einer Anmeldung frei zugänglich. Die Eingabe, Erklärungen und Ergebnisse sind allerdings nur in englischer Sprache.
zum Programm „Adjuvant Consensus“
Quellenhinweise:
[1] Buch: TNM Classification of Malignant Tumours, 6th Edition, L. H. Sobin (Editor), Ch. Wittekind (Editor), ISBN: 978-0-471-22288-0, April 2002
Internet:http://www.uicc.org/index.php?option=com_content&task=view&id=14313&Itemid=247
[2] Goldhirsch A und Kollegen, Annals of Oncology 2007
[3] Goldhirsch et al., Ann Oncol 2009 (St. Gallen 2009)
(av/me)
azp-6119/09 (2340/07)
Letzte Aktualisierung: 03.08.2009